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Abschied von Love

Es ist Freitag. Ich bin auf dem Weg zur Latino-Bäckerei an der First Avenue. Die Baguette, welche dort gebacken wird, kann meiner Begierde nicht entgehen. Sie ist die Begleitung für den Salat, welchen ich mir zum Abendessen zubereiten werde.

Um diese Zeit ist auf der 116ten Strasse und der First Avenue einiges los. Vor dem Beerdigungsinstitut hat sich heute eine Menschenmenge gebildet. Da gibt es kein Durchkommen. Ich suche eine Lücke in der Menge, als ein Sarg, direkt vor meinen Augen, herausgetragen wird. Ich lasse die beiden Sarg-Träger vorbei.

Ich schaue nochmals hin um sicher zu sein, was ich soeben gesehen habe. "Ein Kartonsarg?" schreit es durch meinen Kopf. "Schrecklich, das müssen die Ärmsten sein hier oben in Harlem".

Ich frage einen der Herumstehenden, wer hier verabschiedet wird. "Love", höre ich ihn sagen.

"Love?", frage ich, "Sie meinen "Love", Die Love?" Ein junger, schmieriger Mann kommt auf mich zu. Er beugt sich zu mir herunter. "Ja, Love, und diesmal wird es für immer sein".

Überrascht, verunsichert und angeekelt frage ich, "Was meinen sie für immer?".

"Na, sie ist schon einige male im Koma gelegen. Jedesmal hat sie ihre Energien mobilisiert und ist wieder zurückgekommen. Sie wollte da sein für alle, zu jeder Zeit und für immer. Ohne Einschränkung. Das war eben Love. Dumm und Naiv".

"Sind sie der Priester?". Er lacht, "Ich bin Porno, ein jüngerer und weit entfernter Verwandter von ihr".

"In was bin ich da hinein geraten?". Ich schaue nach einem Ausweg, weg von dieser bizarren Szenerie.

In diesem Moment tritt eine junge Frau auf mich zu. Sie trägt einen silbernen Dress, der gemacht worden ist, um alles zu zeigen.

"Werde nicht nervös Alter, das passiert auch Dir einmal", meint sie mit einem kratzenden Marloboro-Lachen. "Nenn mich Sexy und lass deinen Augen etwas mehr Freiheit".

Der grosse Mensch neben ihr legt seine Hand auf meine Schulter. Er schaut mir direkt ins Gesicht.

"Ich bin Sex", stellt er sich vor. Er greift Sexy am Hintern und kneift sie kräftig. "Sie kreischt und lacht. Beinahe wäre ihr die Marlboro aus dem Mund gefallen.

"Wie ist sie gestorben?", frage ich. Ein Teilnehmer der unter dem Türrahmen gestanden ist, kommt auf mich zu.

Er trägt einen billigen, glänzenden Anzug, Lackschuhe, grelle Kravatte und eine Rolex Kopie am Handgelek. "Ich muss ihr wohl den Rest gegeben haben", meint er sarkastisch.

Der Triviale redet weiter, "Ich bin One Night Stand". Er grinst, "Ich war ihre Konkurrenz. Love wollte für ewig Lieben. Ich bin für Kurzfristiges. Liebe wenn man sie braucht. Schnell, schmerzlos und ohne Verpflichtung.

"Genau, so fühlen wir auch", ruft Sexy dazwischen. "Love war so romantisch und ehrlich. Sie wollte für immer lieben, ohne Bedingung. Wir aber wollen Sex, Sex, viel und sofort. Wir sind hungrig danach. Ohne ist das Leben einsam und düster".

Die drei Girls die sich hinter Porno im Hintergrund gehalten haben, zeigen sich jetzt an seiner Seite. Alle drei lachen. Sie versuchen kokett auszusehen. "Wer sind die wohl?"

Wie wenn die Blonde meine Gedanken gelesen hätte, stellt sie die anderen zwei vor. "Das ist Levitra", sie zeigt auf eine vollbusige Blonde, "und dies ist Cialis". Die grellrote Cialis schaut mir betörend in die Augen. Die Blonde rettet mich vor ihr, indem sie sich selber vorstellt. "Und ich bin Viagra. Wir helfen jedem der Sex will, ob jung und wild oder alt und einsam. Hauptsache es wird bezahlt.

In diesem Augenblick ruft "One Night Stand" die Anwesenden zu sich. "Hört alle hin, ich habe mich entschlossen Love zu kremieren. Eine Beerdigung ist nicht sicher, die kommt sonst wieder zurück. Love hat ausgedient, wir brauchen die nicht mehr".

Mit seinem letzten Satz in den Ohren mache ich mich auf und davon.

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